Analyse: Die Zukunft der dualen Ausbildung im Zeichen generativer KI

Analyse: Die Zukunft der dualen Ausbildung im Zeichen generativer KI

Eine 2025 veröffentlichte Analyse von Microsoft Research hat erhebliche Aufmerksamkeit erregt. Auf Basis von 200.000 Nutzungen des KI-Tools Copilot wurden 40 Berufe identifiziert, deren Tätigkeitsprofile eine besonders hohe Überschneidung mit generativer KI aufweisen. Der „AI applicability score“ misst dabei Coverage, Completion Rate und Impact Scope typischer Aufgaben.

Zu den laut Microsoft Research am stärksten gegenüber generativer KI exponierten Berufen zählen unter anderem Kundenservicerepresentanten, Telemarketer, Übersetzer, Autoren, Webentwickler und Datenanalysten. Handwerkliche, pflegerische und physisch anspruchsvolle Tätigkeiten weisen dagegen eine deutlich niedrigere KI-Exposition auf.

Dr. Wolfgang Sender, Herausgeber von Life-in-Germany.de und KI-Experte, hat sich angesehen, was diese Erkenntnisse für die duale Berufsausbildung in Deutschland bedeuten können.

Übertragbarkeit auf das deutsche duale Ausbildungssystem

Das deutsche System der dualen Berufsausbildung umfasst laut BIBB-Verzeichnis 2025 insgesamt 327 anerkannte oder als anerkannt geltende duale Ausbildungsberufe. „Diese Breite, die Vielseitigkeit und der Praxisbezug der Ausbildungen sind eine bedeutende Stärke des dualen Systems. Das ist eine Basiseigenschaft, die als wichtiger Sicherheitsfaktor gegen vollständige KI-Verdrängung wirkt“, sagt Dr. Wolfgang Sender.

Dennoch sind in den Ausbildungsberufen mindestens Veränderungen, wahrscheinlich aber auch Verdrängungen zu erwarten. Dazu hat Sender die Erkenntnisse der Microsoft-Studie mit den Berufsprofilen des dualen Ausbildungssystems abgeglichen. Es zeigt sich ein klares Muster: Kaufmännische, mediale und IT-nahe Ausbildungen weisen hohe Überschneidungen mit KI-exponierten Tätigkeiten auf, während handwerkliche und technische Fertigkeitsberufe vergleichsweise resilient bleiben.

Ein zentraler Aspekt bei der Bewertung der Auswirkungen generativer KI auf die duale Berufsausbildung ist der reale Ausbildungsmarkt. Auch 2025 gibt es in Deutschland viele offene Ausbildungsplätze. Das müsse man berücksichtigen, bevor man über mögliche Herausforderungen durch KI spreche. So waren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit im Juni 2025 bundesweit noch rund 229.000 Ausbildungsstellen bei Arbeitsagenturen und Jobcentern unbesetzt. Diese hohe Zahl unbesetzter Ausbildungsplätze wirkt aktuell wie ein zweiter Puffer gegen Herausforderungen durch KI, analysiert Sender. Selbst wenn generative KI mittelfristig einzelne Tätigkeiten in den Ausbildungsberufen verändert, verdrängt oder manche sogar obsolet werden lässt, suchen Betriebe aktuell weiterhin dringend Nachwuchs.

Dr. Wolfgang Sender rät dennoch dazu, die Augen offen zu halten: „Auch wenn hier wenig über Nacht passiert, darf man die Saison nicht verpassen. Wir stehen in einer Arbeitsmarktrevolution, die fast alles in der Arbeitswelt umschichten wird.“ Man sollte jetzt, und zwar genau jetzt, als Bewerber:in, als Elternteil, als Arbeitgeber:in und als Arbeitsvermittler:in genau aufpassen, dass man junge Menschen nicht in einen mehrjährigen Berufsausbildungsgang schickt, dessen Tätigkeitsfeld sich schon während der Ausbildung durch KI massiv ändert oder sogar auflöst.

„Wir können jetzt schon ziemlich genau absehen, wie weit KI die Arbeitswelt in den nächsten zwei bis fünf Jahren verändern wird“, sagt Sender. Daher müssten eigentlich bereits jetzt Ausbildungsberufe zusammengefasst, Inhalte angepasst und Fähigkeitsziele aktualisiert werden, meint der Experte, der früher auch für die Kultusministerkonferenz tätig war.

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So wurden die betroffenen Ausbildungsberufe bestimmt

Wie hat Sender die betroffenen Ausbildungsberufe bestimmt? Ausgehend von Tätigkeitsprofilen, die bereits jetzt eine besonders hohe Überschneidung mit generativer KI aufweisen, wurden zwei Dimensionen betrachtet: KI-Exposition und Marktschutz. Sender formuliert das als einfache Regel: „Was ist automatisierbar, und wie stark ist der Markt? Beides muss auf denselben Zettel.“

  1. KI-Gefährdung von Ausbildungsberufen: Diese ist hoch bei standardisierten text-, daten- und informationsverarbeitenden Tätigkeiten (Korrespondenz, Kalkulation, Content-Erstellung) und niedrig bei körperlichen oder sensorischen Fertigkeiten. Die zentrale Korrektur lautet: Bei Programmierern nimmt Routineprogrammierung ab, Rollen verschieben sich. Wer ausschließlich Coding macht, kann schnell durch KI ersetzt werden. Sender sagt dazu: „Das klassische Ziel ‚Programmierer werden‘ ist insofern riskant, weil Codeproduktion sehr schnell austauschbar wird.“ Der verbleibende menschliche Anteil verschiebt sich in Richtung Architektur, Integration, Sicherheit, Qualitätsprüfung, Compliance und Verantwortung.
  2. Marktschutz: Eine hohe Zahl unbesetzter Ausbildungsplätze wirkt absichernd, weil sie auf strukturelle Nachfrage hinweist. Sender nennt das „den entscheidenden Differenzierer“: „Marktnachfrage entscheidet, welche Wege tragen und welche in Sackgassen führen.“ Zusätzlich wird hier die Trendstabilität berücksichtigt, also die Frage, wie hoch die Zahl der offenen Ausbildungsplätze im Zeitverlauf der letzten Jahre ist.

Aus den Kategorien absehbare KI-Gefährdung, aktuell offene Stellen und aktuelle Trendstabilität hat Sender eine voraussichtliche Gesamtbewertung abgeleitet. Sie soll einschätzen, wie stark einzelne Ausbildungsberufe von Künstlicher Intelligenz beeinflusst werden und was, kurz gesagt, noch eine solide Zukunft hat und was nicht.

Vollständige Übersicht der von KI betroffenen Ausbildungsberufe

AusbildungsberufAbsehbare KI-GefährdungAktuell offene Stellen (ca.)Aktuelle TrendstabilitätVoraussichtliche Gesamtbewertung
Medienkaufmann/-frau Digital und PrintSehr hoch~500Rückläufig🚨 Kritisch
Kaufmann/-frau für MarketingkommunikationSehr hoch~1.000Rückläufig🚨 Kritisch
Fotograf/inHoch~300Rückläufig🚨 Kritisch
Tourismuskaufmann/-frauSehr hoch~800Stabil-niedrig🚨 Kritisch
Mediengestalter/in Bild und TonHoch~500Rückläufig🚨 Kritisch
Bankkaufmann/-frauSehr hoch~2.000Stabil-niedrig⚠️ Mäßig riskant
Steuerfachangestellte/rSehr hoch~3.000Stabil⚠️ Mäßig riskant
Sozialversicherungsfachangestellte/rSehr hoch~2.000Stabil⚠️ Mäßig riskant
Kaufmann/-frau für DialogmarketingSehr hoch~1.500Rückläufig⚠️ Mäßig riskant
Versicherungskaufmann/-frauSehr hoch~2.500Stabil⚠️ Mäßig riskant
Verkäufer/in, Einzelhandelskaufmann/-frauSehr hoch42.000Hoch und stabil✅ Attraktiv trotz Transformation
Kaufmann/-frau für BüromanagementSehr hoch~8.000Hoch und stabil✅ Attraktiv trotz Transformation
Industriekaufmann/-frauSehr hoch~5.000Stabil-hoch✅ Attraktiv trotz Transformation
Kaufmann/-frau im E-CommerceSehr hoch~3.500Wachsend✅ Attraktiv trotz Transformation
Groß- und AußenhandelsmanagementSehr hoch~4.000Stabil✅ Attraktiv trotz Transformation
Fachinformatiker/in (Anwendungsentwicklung)Extrem hoch~12.000Stabil-hoch🟡 Kurzfristig stabil, mittelfristig höheres Risiko
Fachkraft für LagerlogistikMittel~11.000Wachsend🟡 Stabil
Kfz-Mechatroniker/inNiedrig~15.000Steigend🟢 Hochsicher
Elektroniker/inNiedrig~16.000Steigend🟢 Hochsicher
Maurer/in, Betonbauer/inSehr niedrig~19.000Persistierend hoch🟢 Hochsicher
Pflegefachmann/-frauSehr niedrig~15.000Persistierend hoch🟢 Hochsicher
Anlagenmechaniker/in SHKNiedrig~10.000Stabil-hoch🟢 Hochsicher

Die Tabelle verbindet KI-Gefährdung, Vakanzen und Trendstabilität. „Kritisch“ heißt: hohe Automatisierbarkeit plus schrumpfender Markt. „Attraktiv trotz Transformation“ heißt: hohe Automatisierbarkeit, aber sehr hoher, stabiler Mangel. IT ist als Sonderfall markiert, weil Programmierarbeit sehr schnell durch KI automatisiert wird, während der Bedarf an Systemverantwortung bleibt. Sender bezeichnet diese Tabelle als Navigationsinstrument, weil regionale Unterschiede und konkrete Betriebe die Einordnung verändern können.

TopTest.ai

Top 5 bedrohtesten Ausbildungsberufe

RangBerufGrund
1Medienkaufmann/-frauHohe KI-Automatisierung plus rückläufiger Markt
2Kaufmann/-frau für MarketingkommunikationKampagnen und Kreation KI-gestützt, schrumpfende Nachfrage
3Fotograf/inBild-KI trifft Routineaufnahmen, sehr geringer Bedarf
4Mediengestalter/in Bild und TonEditierung wird automatisiert, Markt kontrahiert
5Tourismuskaufmann/-frauBuchungssysteme stark KI-dominiert, niedriger Bedarf

Diese Berufe zeigen die Kombination aus hoher Substituierbarkeit und begrenzten Ausweichmöglichkeiten. Das ist besonders relevant, weil Einstiegsaufgaben häufig zuerst automatisiert werden und die Zahl alternativer Stellen in diesen Segmenten oft gering ist.

Top 5 perspektivreichste Ausbildungsberufe trotz KI

RangBerufGrund
1Maurer/in, Betonbauer/inPhysisch unverzichtbar, persistierend hohe Vakanzen
2Kfz-Mechatroniker/inHybrid aus Mechanik und Diagnose, Trend steigend
3Elektroniker/inVor-Ort-Installation und Wartung, Trend steigend
4Pflegefachmann/-frauMensch-zentrierte Arbeit, persistierend hoher Bedarf
5Verkäufer/in, Einzelhandelskaufmann/-frauMassive Vakanzen, stabil hoch trotz KI-Umstellung

Diese Berufe sind robust, weil KI den physischen oder menschlichen Kern nicht ersetzt und weil die Nachfrage über Jahre hoch bleibt. KI wirkt hier als Werkzeug (Planung, Diagnose, Dokumentation) und nicht als Ersatz.

Strategische Implikationen für Ausbildungsinteressenten, Betriebe und Schulen

Für Ausbildungsinteressenten

Wer 2026 und in den nahen Folgejahren eine duale Berufsausbildung in Deutschland wählt, entscheidet nicht mehr nur zwischen Berufen, sondern auch zwischen unterschiedlichen Graden von Automatisierbarkeit und Marktstabilität. Physische und menschnahe Tätigkeiten sind derzeit besonders robust, weil sie nicht vollständig in Software überführt werden können. Handwerk, Pflege und technische Wartung bleiben deshalb vorerst stabile Einstiegspfade, auch wenn generative KI einzelne Arbeitsschritte unterstützt. Fortschritte bei der Kombination von Robotik und KI könnten allerdings auch hier in weniger als fünf Jahren zu spürbaren Verschiebungen führen.

Für kaufmännische Berufe ist die Lage differenzierter. Viele Tätigkeiten werden stark umgebaut, aber hohe Vakanzen wirken als Sicherheitsnetz. Wer kaufmännisch arbeiten will, könnte daher Sektoren wählen, in denen der Nachfragepuffer groß ist, etwa Einzelhandel, Logistik und Büroorganisation. Dort besteht die Gefahr weniger in einem Wegfall der Tätigkeit durch KI. Wahrscheinlicher ist eine Verschiebung der Tätigkeiten in Richtung Ausnahmebehandlung, Kundeninteraktion und Prozesssteuerung mit KI-Tools, die Jobs bleiben jedoch bestehen.

Die größte Korrektur betrifft nachweislich die IT: Wenn Low-Level- und Middle-Level-Programmierer sehr schnell durch KI ersetzt werden, ist „Programmierer werden“ als Zielbild heute bereits riskant. IT bleibt aber als Ausbildungsweg sinnvoll, wenn er auf Systemverantwortung zielt, zum Beispiel Integration, Architektur, Security, Testing, Review, Datenflüsse und Compliance. Wer in dieser Logik denkt, kann auch in einem KI-dominierten Umfeld dauerhaft relevant bleiben und seinen Ausbildungsberuf zukunftssicher wählen.

Für Ausbildungsbetriebe

Für Betriebe folgt daraus eine klare Ausbildungsstrategie. In IT-Ausbildungen wird das Zentrum künftig nicht Routine-Coding sein, sondern das verantwortliche Arbeiten mit KI: KI-Tools einsetzen, Konzepte erstellen, Anforderungen klären, Outputs prüfen, Systeme absichern, Schnittstellen gestalten sowie Qualität und Sicherheit gewährleisten. Wer weiterhin primär „Syntax und Routinen“ ausbildet, produziert kurzfristig einsetzbare Profile mit hoher Austauschbarkeit.

In kaufmännischen Berufen müssen Betriebe den Wert menschlicher Kompetenz offensiv stärken. Generative KI kann Standardkommunikation liefern, aber nicht immer zuverlässig Konflikte lösen, verhandeln oder Verantwortung tragen. Ausbildung muss daher gezielt Empathie, komplexe Gesprächsführung, Urteilsfähigkeit, ethische Abwägung und Problemlösen in unstrukturierten Situationen trainieren.

Parallel wird der hybride Arbeitsalltag zur Norm. Mechaniker arbeiten daten- und diagnosegestützt, Verkäufer nutzen Datenanalysen, Disponenten arbeiten mit Prognosen. Betriebe sollten KI-Tools früh in die Ausbildung integrieren, damit Praxis und Realität nicht auseinanderlaufen.

Für Berufsschulen und Bildungsinstitutionen

Berufsschulen stehen unter Zeitdruck, weil sich Ausbildungsordnungen und Curricula oft viel langsamer ändern als die technologische Entwicklung. Daraus folgt: Grundwissen zu generativer KI muss bereits heute über alle Ausbildungsberufe hinweg Pflicht sein. Es geht nicht nur um die Bedienung von KI (Toolauswahl, gezielte Eingaben, Einbindung in Arbeitsabläufe). Erwartet werden muss solide Prüfkompetenz: Wie überprüfe ich KI-Ergebnisse, wie erkenne ich Fehler, wie bewerte ich Qualität, wo liegen rechtliche und sicherheitsrelevante Grenzen?

Wenn generative KI den Output liefert, muss Schule den Maßstab liefern: Fachlogik, Regeln, Recht, Sicherheit und Qualitätskriterien. Zudem entsteht eine zweite Rolle, nämlich Berufsschulen als regionale Weiterbildungszentren für bereits Beschäftigte, deren Tätigkeiten sich durch KI verschieben.

Schlussfolgerungen

Die duale Berufsausbildung bleibt ein starker Einstieg in den Arbeitsmarkt, weil sie echte Praxis im Betrieb, feste Abläufe und klar messbare Fähigkeiten verbindet. Generative KI verändert aber die Gewichte: Aufgaben, die viel Routine oder reine Informationsarbeit sind, werden schneller umgebaut oder teilweise automatisiert. Tätigkeiten, die körperlich sind oder stark mit Menschen zu tun haben, bleiben meist stabiler, weil sie schwerer zu ersetzen sind.

Dazu kommt der Blick auf die Trends: Wenn ein Bereich insgesamt kleiner wird oder nur noch wenige Plätze bietet, steigt das Risiko zusätzlich. Wo Betriebe dagegen dauerhaft Personal suchen und Ausbildungsplätze offen bleiben, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Ausbildung und späterer Job sicherer sind.

Die Folge ist: Bei der Wahl eines Ausbildungsberufs reicht es nicht mehr, nur auf Interesse oder „gute Noten“ zu schauen. Es braucht eine neue, klarere Entscheidungsroutine, weil generative KI sehr viele Tätigkeiten verändert, aber nicht automatisch für sichere Perspektiven sorgt.

Diese Routine kann man als vier Fragen verstehen, die zusammengehören:

  1. Wie sieht das Aufgabenprofil aus und wie stark ist es von KI betroffen?
    Man schaut nicht nur auf den Berufstitel, sondern auf die typischen Aufgaben. Manche Aufgaben werden durch KI schneller, einfacher oder teilweise automatisiert. Andere bleiben menschlich geprägt, zum Beispiel Tätigkeiten mit Verantwortung, direktem Kundenkontakt, Handwerk, Pflege, Sicherheit oder komplexer Praxis vor Ort. Wichtig ist: „KI-betroffen“ heißt nicht „verschwindet“, sondern oft „ändert sich“.
  2. Wie ist der Markt, also die echte Nachfrage nach Azubis und Fachkräften?
    Ein Beruf kann spannend sein, aber wenn es wenige Ausbildungsplätze gibt oder Betriebe kaum einstellen, ist das Risiko höher. Umgekehrt kann ein Beruf eine hohe KI-Nutzung haben, aber trotzdem stabil sein, wenn er stark nachgefragt wird. Nachfrage wirkt wie ein Puffer: Wo viele Menschen gebraucht werden, entstehen eher Ausbildungsplätze, Übernahmen und Aufstiegschancen.
  3. Wie entwickelt sich der Beruf langfristig, also der Trend?
    Hier geht es um die Richtung: Wächst der Bereich, bleibt er stabil oder schrumpft er. Trends kommen aus Demografie, Energie- und Bauwende, Gesundheit, Logistik, Industrie, Verwaltung, Digitalisierung. Ein Beruf ist robuster, wenn er zu Bereichen gehört, die langfristig gebraucht werden und nicht nur von kurzfristigen Hypes leben.
  4. Kann der Ausbildungsbetrieb KI realistisch umsetzen und die Veränderungen gut abbilden?
    Das ist oft der unterschätzte Punkt. Generative KI wird in fast allen Berufen Teil der Ausbildung werden, etwa beim Schreiben, Recherchieren, Planen, Dokumentieren oder Lernen. Aber entscheidend ist, ob der Betrieb das sinnvoll integriert: Gibt es moderne Prozesse, gute Ausbilder, klare Standards, Datenschutz-Regeln, Zeit zum Lernen und echte Praxis, statt nur „KI nebenbei“ oder gar keine Umsetzung. Ein Betrieb, der die Veränderung ignoriert, bildet an der Realität vorbei aus.

Der Kern ist deshalb: Generative KI gehört künftig fast überall dazu, aber sie ersetzt nicht die Grundentscheidung für einen stabilen Markt und einen Betrieb, der die Veränderungen ernst nimmt. KI kann helfen, Aufgaben besser zu erledigen. Sie garantiert aber nicht, dass ein Beruf oder ein Ausbildungsplatz gute Perspektiven hat. Wer heute wählt, sollte deshalb sowohl die Veränderung durch KI als auch die Markt- und Betriebsrealität prüfen.

Für die Beteiligten hat das konkrete Folgen:

  • Berufsschulen und Kammern müssen Ausbildungsinhalte aktualisieren und Standards setzen, damit KI-Nutzung nicht nur „irgendwie“ passiert, sondern kompetent und verantwortungsvoll.
  • Auszubildende müssen stärker vergleichen: nicht nur Beruf, sondern Aufgaben, Nachfrage, Trend und Qualität des Betriebs.
  • Betriebe müssen zeigen, dass sie moderne Ausbildung wirklich können: Praxis, Technik, Betreuung und realistische Inhalte.

Einflüsse von Künstlicher Intelligenz im Bereich duale Ausbildung

Wie verändert Künstliche Intelligenz die duale Ausbildung in Deutschland aktuell?

Dr. Wolfgang Sender, KI-Experte und Gründer der KI-Lernplattform TopTest.ai, erklärt: “Ich sehe eine fundamentale Verschiebung, weil die KI nicht nur einzelne Aufgaben übernimmt, sondern ganze Prozessketten in typischen Ausbildungsberufen neu definiert.” Er betont, dass die von Microsoft Research identifizierte hohe KI-Exposition in Berufen wie dem Kaufmann für Marketingkommunikation oder dem Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung bereits heute zu einer Anpassung der betrieblichen Ausbildungsinhalte führt, wodurch Auszubildende vermehrt mit KI-Tools als Arbeitsmittel vertraut gemacht werden, während die Vermittlung grundlegender Fachprinzipien weiterhin den Kern der Ausbildung bilde.

Für die kommenden Jahre prognostiziert Sender, dass KI die betriebliche Ausbildung durch adaptive Lernsysteme (KI-gestützte Tutoren) individualisieren und damit die Effizienz steigern wird, zugleich aber die Prüfungsformate angepasst werden müssen, um reine Wissensabfrage durch kompetenzorientierte Aufgaben zu ersetzen. Eine klare Grenze sieht er in Bereichen, die komplexe manuelle Geschicklichkeit, situative Empathie in der Kundeninteraktion oder die ethische Bewertung von KI-Entscheidungen erfordern, da diese Fähigkeiten voraussichtlich menschlich bleiben. Berufseinsteigern rät Sender, frühzeitig Kompetenzen im Prompt-Engineering (der präzisen Formulierung von Anweisungen für KI-Systeme) und in der kritischen Bewertung von KI-generierten Ergebnissen aufzubauen. “Ich empfehle derzeit, die eigene Rolle vom Ausführenden zum Steuernden und Qualitätsprüfer von KI-Arbeitsergebnissen weiterzuentwickeln.”

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