Azubis aus der Ukraine einstellen

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Mit mehreren hunderttausend Flüchtlingen aus der Ukraine stellt sich für deutsche Arbeitgeber die Frage, ob hierunter auch potenzielle Azubis sind. Unsere Antwort: Ja, aber.

Flüchtlinge aus der Ukraine werden voraussichtlich in der Lage sein, in Deutschland zu arbeiten. Dies schließt nach aller Erwartung ein, dass in Deutschland angekommene ukrainische Flüchtlinge hier auch eine duale Berufsausbildung machen können. Welche Chancen bestehen hierfür?

Ausbildung nicht bekannt

Zu den sehr großen Herausforderungen bei der Beschäftigung von ukrainischen Flüchtlingen als Azubis zählt, dass die Berufsausbildung nach deutschem Muster in der Ukraine praktisch unbekannt ist. Dies bedeutet, dass du als Arbeitgeber vor der Herausforderung stehst, die duale Berufsausbildung erst einmal erklären zu müssen.

Natürlich ist es so, dass auch die deutschen Jugendlichen oftmals keine vollständige Vorstellung davon haben, was eine duale Berufsausbildung alles umfasst. Bei den Flüchtlingen aus der Ukraine solltest du aber davon ausgehen, dass hier das Wissen über die deutsche Wirtschaft und die unterschiedlichen Rollen in der deutschen Ökonomie praktisch völlig unbekannt sind. Dies fängt bereits bei grundlegenden Begrifflichkeiten an.

Hinzu kommt, dass die ukrainische Berufsausbildung “PTU” eine sehr schlechte Reputation hat. Du musst also erstens grundlegend erklären, was eine Ausbildung nach deutschem Muster ist.

Direkte Beschäftigung attraktiver

Schwerwiegender wiegt noch, dass die Flüchtlinge aus der Ukraine auch direkt in Deutschland arbeiten können. Selbst für den ungelernten Bereich sind hier Stundenlöhne ab 15 € überhaupt keine Seltenheit mehr. Anzunehmen ist, dass in den kommenden Wochen eine größere Zahl von Flüchtlingen als Saisonarbeiter zunächst im Bereich Spargelernte und dann im Tourismus arbeiten, später im Herbst dann erneut in der Landwirtschaft und zum Jahresende im Bereich Lager/Logistik und Weihnachtsgeschäft.

Einen noch höheren Stundenlohn als in Deutschland bekommen die Flüchtlinge auch als Ungelernte beispielsweise in Schweden, Norwegen und teilweise den Niederlanden. Auch in Österreich ist die Bezahlung verbreitet besser und hier werden oft auch kostenlose Übernachtungen ermöglicht. Du stehst also als deutscher Arbeitgeber in extrem harten Wettbewerb.

Verglichen mit den niedrigen Ausbildungsvergütungen wird sich hier jeder geeignete ukrainischer Flüchtlinge klar fragen, weshalb eine zwei- bis vierjährige Ausbildung absolviert werden soll, wenn in dieser Zeit unmittelbar Geld verdient werden könnte. Du musst also zweitens gute Gründe anführen können, weshalb sich eine Ausbildung lohnt – am besten mit Beispielrechnungen.

Planungshorizont

Wer als Flüchtling hier nur für einige Monate im Voraus planen kann, wird sich auch kaum mehrjährig binden. Auch dies spricht wohl eher gegen die Aufnahme einer Ausbildung durch ukrainische Flüchtlinge.

Vielmehr erwarten wir, dass Flüchtlinge aus der Ukraine sich für eine direkte Beschäftigung entscheiden werden, die ihnen mehr Einkommen und mehr Flexibilität bietet. Man sollte nicht vergessen, dass die die Flüchtlinge durch reguläre Beschäftigung größere Verdienstmöglichkeiten haben und auch unmittelbar auf das Einkommen angewiesen sind.

Schließlich haben nicht wenige in der Ukrainer nicht nur ihre Arbeit verloren, sondern auch ihre Besitztümer und müssen auch Familienangehörige in der Ukraine unmittelbar unterstützen. Du musst also drittens sehr genau darlegen können, welcher Planungshorizont für die Flüchtlinge besteht.

Sprachkenntnisse

Du kannst nicht erwarten, dass unter den Flüchtlingen eine größere Zahl deutschsprachiger Personen ist. Du wirst zwar einige deutschsprachige finden, aber generell dürfte es eher selten sein. Selbst bei Beginn von Sprachausbildungen asap wird es schwierig, die entsprechenden Kenntnisse bis Ausbildungsbeginn zu vermitteln. Staatliche Förderung wird es wohl geben – hierzu empfiehlt sich immer auch ein Blick auf die Seiten des BAMF.

Ob aber hier die Zeit zur organisatorischen Umsetzung reicht, ist nach aller Erfahrung zu bezweifeln. Du solltest also viertens genau prüfen, ob du Kandidaten findest, die es sprachlich bis etwa B1 zum Herbst schaffen.

Hoher Bildungsstand

Ein weiterer Fakt, der bei der Frage der Beschäftigung ukrainischer Flüchtlinge als Azubis zu beachten ist, ist der relativ hohe Bildungsstand, den die Flüchtlinge mitbringen. In einem Land, in dem fast 90 Prozent der jungen Leute ein Hochschulstudium absolvieren, ist die Motivation für eine Ausbildung vermutlich geringer.

Schnell kann es hier in der Berufsschule zu einer inhaltlichen Unterforderung bei sprachlicher Überforderung kommen. Prüfe also fünftens ganz genau den Bildungshintergrund der Bewerberinnen und Bewerber und mache dich mit den ukrainischen Abschlüssen vertraut.

Regional flexibel

Es gibt jedoch nicht nur Aspekte, die gegen eine Berufsausbildung für ukrainischer Flüchtlinge sprechen. Für die Berufsausbildung spricht hier unter anderem, dass die Flüchtlinge regional flexibel sind. Die Flüchtlinge können sich in ganz Deutschland frei bewegen können und sich frei ihren Ausbildungsplatz frei auswählen. Dies bietet Chancen für Arbeitgeber, aber auch das Risiko von Abwanderung. Prüfe also sechstens, ob du regionale “Anker” für die Flüchtlinge bauen kannst, beispielsweise durch die Beschäftigung von Familienangehörigen.

Azubis aus der Ukraine

Überwiegend weiblich

Die Mehrzahl der Flüchtlinge aus der Ukraine sind weiblich. Grundsätzlich kannst du davon ausgehen, dass auch Frauen bis zum Alter von 30/35 bereit sind, noch eine Berufsausbildung zu machen. Möchtest du diese jedoch für klassische Männerberufe qualifizieren, musst du Überzeugungsarbeit leisten. Bei den weiblichen ukrainischen Flüchtlingen spricht überhaupt nichts dagegen, diese auch als Mechatronikerinnen oder Kfz-Mechanikerinnen zu beschäftigen: Du musst aber siebtens Überzeugungsarbeit leisten, dass die Flüchtlinge auch typische Männerberufe ergreifen.

Azubis aus der Ukraine: Fazit

Alles in allem sehen wir im Moment nicht durch eine rosa Brille, was die Chancen für eine Vielzahl neuer Azubis durch die Flüchtlinge angeht. Es stehen viele attraktive Alternativen bereit und für viele dürfte eine Ausbildung nicht sonderlich attraktiv sein. Dies muss jedoch nicht bedeuten, dass du dich als Arbeitgeber nicht um diese Zielgruppe bemühen solltest.

Wenn du in ein Marketing mit einer Vielzahl von Optionen gehst, steigen deine Chancen. Denke an Aspekte wie:

  • Einstieg als Ungelernte/r
  • Duales Studium
  • Teilzeittätigkeit

Versuche dann, im Rahmen der hergestellten Kontakte auch in Richtung duale Berufsausbildung zu motivieren.

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