
Mehr Geld bei gleichem Job. Für viele Beschäftigte in Deutschland war genau das 2025 Realität. Der kununu Gehaltscheck 2026 vergleicht Durchschnittsgehälter aus 2023 und 2025 und zeigt teils sehr hohe Wachstumsraten. Besonders auffällig ist die Ballung von Gewinnern in Pflege, Gesundheit, Technik, Infrastruktur und spezialisierter IT.
Das wirkt zunächst irritierend, weil genau in Teilen dieser Felder häufig von „KI-Risiko“ gesprochen wird. Dieser Eindruck entsteht jedoch vor allem dann, wenn man Berufe als Ganzes betrachtet statt die konkreten Tätigkeitsprofile innerhalb der Berufe.
Inhaltsverzeichnis
Die größten Gehaltssprünge im Überblick
Die Tabelle zeigt nicht nur einzelne Spitzenreiter, sondern ein breites Muster. Die Gewinner verteilen sich auf systemrelevante Versorgung, Infrastruktur, technische Spezialrollen und regulierte Gesundheits- und Forschungsfelder. Gleichzeitig sieht man, dass hohe Wachstumsraten nicht automatisch „hohe Gehälter“ bedeuten. Ein Zuwachs von rund 12 Prozent auf etwa 29.000 bis 33.000 Euro verbessert zwar die Lage spürbar, bleibt aber in absoluten Zahlen etwas anderes als ein 13-Prozent-Plus im Bereich jenseits von 60.000 Euro.
| Jobtitel | Gehalt 2023 | Gehalt 2025 | Wachstum |
| Design Ingenieur:in | 49.462 € | 61.037 € | 23,40 % |
| Clinical Research Associate | 47.066 € | 56.306 € | 19,63 % |
| Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger:in | 39.096 € | 46.729 € | 19,53 % |
| Netzplaner:in | 50.504 € | 59.492 € | 17,80 % |
| Schweißtechniker:in | 43.377 € | 50.438 € | 16,28 % |
| Kleinkinderzieher:in | 34.845 € | 40.174 € | 15,29 % |
| Heilpädagog:in | 44.365 € | 50.743 € | 14,38 % |
| Intensivpfleger:in | 49.352 € | 56.322 € | 14,12 % |
| Dispatcher | 40.941 € | 46.547 € | 13,69 % |
| Lebensmittelverkäufer:in | 29.114 € | 33.094 € | 13,67 % |
| Handelsfachwirt:in | 34.619 € | 39.345 € | 13,65 % |
| SAP Administrator:in | 63.546 € | 72.169 € | 13,57 % |
| Zahnmedizinische Fachangestellte | 32.139 € | 36.328 € | 13,03 % |
| Lokführer:in | 42.559 € | 47.984 € | 12,75 % |
| Therapeut:in | 40.208 € | 45.212 € | 12,45 % |
| Tiermedizinische Praxisassistent:in | 29.663 € | 33.316 € | 12,31 % |
| Verwaltungsfachwirt:in | 49.702 € | 55.811 € | 12,29 % |
| Medizinische Technolog:in für Labormedizin | 39.544 € | 44.397 € | 12,27 % |
| Heilerziehungspfleger:in | 40.357 € | 45.269 € | 12,17 % |
| Pflegeassistent:in | 31.273 € | 35.055 € | 12,09 % |
Dr. Wolfgang Sender ordnet dieses Muster als Signal für strukturelle Engpässe ein, nicht als kurzfristige Laune des Marktes: „Wenn in so vielen Versorgungs- und Infrastrukturbereichen gleichzeitig zweistellige Zuwächse auftauchen, dann ist das meistens kein Zufall, sondern ein Hinweis auf Knappheit, wachsende Anforderungen und hohen Umsetzungsdruck.“ Genau das passt zu Pflege, Netzausbau, Industrieprozessen und stark regulierten Bereichen wie klinischer Forschung.
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Warum steigende Gehälter in KI-exponierten Berufen kein Widerspruch sind
Was im Ranking zusätzlich auffällt: Unter den Top-Steigerungen sind Berufe, bei denen viele Beobachter eigentlich starken KI- und Automatisierungsdruck erwarten. Dazu zählen informationsnahe Rollen wie SAP Administration, Teile der technischen Planung, dokumentationsintensive Funktionen in der klinischen Forschung und auch Tätigkeitsanteile in Ingenieurrollen, die heute stark softwaregestützt ablaufen. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als müsste Automatisierung die Löhne eher dämpfen.
Sender hält genau diesen Schluss für zu grob: „Wir müssen Berufe von Tätigkeiten trennen. KI ersetzt selten den Beruf, sondern sie beschleunigt oder automatisiert einzelne Routinen. Das kann den Wert der verbleibenden Arbeit sogar erhöhen.“ Damit ist der Kern des scheinbaren Paradoxons beschrieben. Wenn KI Routineanteile übernimmt, steigt oft die Produktivität der Fachkraft in den Teilen, die nicht automatisiert sind. Und genau diese nicht automatisierten Teile sind in vielen Fällen die wertvolleren, weil sie Verantwortung, Risikoabsicherung, Koordination und Entscheidungen umfassen.
Warum Produktivität durch KI die Löhne steigen lassen kann
Ökonomisch betrachtet bezahlen Unternehmen nicht „Beschäftigung“, sondern Ergebnis. Wenn KI dazu führt, dass eine Fachkraft in derselben Arbeitszeit mehr Output erzeugt, steigt die Wertschöpfung pro Kopf. In der Praxis bedeutet das zum Beispiel, dass ein SAP Administrator schneller Fehler eingrenzt, Änderungen vorbereiten kann und weniger Zeit in Standarddokumentation verliert. Eine Ingenieurin kann Varianten schneller simulieren und dadurch Entwicklungsrisiken reduzieren. In der klinischen Forschung lassen sich Datenmengen effizienter strukturieren und Plausibilitäten schneller prüfen, wodurch der Fokus stärker auf Qualitätssicherung und regulatorisch saubere Entscheidungen rückt.

„Produktivität ist nicht nur Tempo“, sagt Sender. „Produktivität ist auch weniger Fehler, weniger Ausfall, weniger Risiko. Und dafür sind Unternehmen bereit zu zahlen.“ Gerade in kritischen Systemen wie Infrastruktur, Medizin oder großen Unternehmensplattformen sind Fehler teuer. Wenn KI hilft, solche Fehler zu vermeiden und Prozesse stabiler zu machen, steigt der wirtschaftliche Wert der Personen, die diese Systeme steuern.
Warum Effizienzgewinne oft zu mehr Nachfrage führen
Ein weiterer, häufig unterschätzter Effekt ist, dass Effizienzgewinne nicht automatisch Personal sparen. Sie ermöglichen oft schlicht mehr Aktivität. Wenn Projekte schneller umsetzbar werden, werden mehr Projekte gestartet. Wenn Daten schneller ausgewertet werden können, werden mehr Daten erhoben und genutzt. Wenn digitale Prozesse leichter werden, erwarten Unternehmen und Kunden mehr Geschwindigkeit und mehr Service.
Sender beschreibt das als Verstärkereffekt: „KI senkt die Reibung. Dadurch machen Organisationen mehr, nicht weniger. Und das erhöht den Bedarf an Leuten, die die Komplexität beherrschen.“ Das ist besonders plausibel in Bereichen wie SAP, Netzausbau und klinischer Forschung, weil dort neue Anforderungen und Projekte ohnehin kontinuierlich entstehen.
Warum Durchschnittsgehälter steigen, obwohl Routine unter Druck gerät
Die kununu-Daten bilden Durchschnittswerte ab. Sie zeigen nicht direkt, dass sich innerhalb vieler Berufe eine Verschiebung vollzieht. Gerade in IT- und technischen Rollen wird Routine eher entwertet, während Verantwortung und Steuerung aufgewertet werden. Wer früher viel Zeit mit Standardaufgaben verbracht hat, wird künftig stärker in Richtung Überwachung, Integration, Sicherheit, Abstimmung und Qualität gedrängt. Damit wird die Rolle anspruchsvoller. Und anspruchsvollere Rollen werden, solange sie knapp sind, besser bezahlt.
„KI ist wie ein Filter“, sagt Sender. „Sie macht sichtbar, wer nur Routine bedient, und wer Systeme wirklich versteht und steuern kann.“ Wenn Unternehmen genau diese Steuerungskompetenz suchen, steigen Gehälter trotz Automatisierung.
Pflege, Technik und Handwerk: Warum der Kern stabil bleibt
Bei Pflege und Handwerk ist der Widerspruch noch geringer, als es oft dargestellt wird. Pflege bleibt körperlich, situativ und hochgradig interaktiv. KI kann Dokumentation unterstützen, Dienstplanung verbessern oder Hinweise auf Risiken liefern, aber sie ersetzt keine unmittelbare Versorgung am Menschen und keine klinische Verantwortung in kritischen Situationen. Im technischen Handwerk und in der Infrastruktur ist es ähnlich: Planung und Qualitätssicherung können digital unterstützt werden, aber die Umsetzung unter realen Bedingungen bleibt anspruchsvoll.
Sender fasst es so: „Je realweltlicher eine Tätigkeit ist, je mehr Verantwortung sie trägt und je stärker sie auf situatives Entscheiden angewiesen ist, desto weniger ist sie vollständig automatisierbar. Und genau dort sehen wir aktuell steigende Löhne.“
Fazit: Verschiebung statt Entwarnung
Die Gehaltssteigerungen 2025 sind kein Gegenargument zur KI-Transformation. Sie zeigen vielmehr, wie diese Transformation praktisch wirkt. KI reduziert Routinen, erhöht aber gleichzeitig Produktivität, Projektdynamik und Komplexität. Solange Fachkräfte knapp bleiben und der Bedarf in Pflege, Infrastruktur und Digitalisierung wächst, können Löhne steigen, selbst in Bereichen mit KI-exponierten Tätigkeitsanteilen.
Sender bringt es auf den Punkt: „KI bedroht vor allem Routinen. Wer sich in Richtung Steuerung, Verantwortung und komplexe Problemlösung entwickelt, wird eher profitieren als verlieren.“
